Presseartikel
Artikel im Blog des National Book Critics Circle Awards vom 08.11.07 (frei übersetzt):
Auf die Frage des NBCC woran John Irving zur Zeit arbeite, sagt er:
"Zur Zeit liegen zwei Drehbücher, Adaptionen von "Zirkuskind" und "Die vierte Hand" auf meinem Schreibtisch, aber eigentlich konzentriere ich mich auf meinen zwölften Roman, der zu drei Vierteln fertiggestellt ist. Das bedeutet, ich habe elf Kapitel, aus wahrscheinlichen fünfzehn oder sechzehn beendet.
Last Night in Twisted River ist ein Roman über einen Koch und seinen Sohn, die aufgrund der Ereignisse im Anschluss an einen Unfall im nördlichen New Hampshire 1954, gezwungen sind zu flüchten. Die Geschichte geht über einen Zeitraum von fünfzig Jahren.
Das ist nicht der erste Einleitungssatz, den ich für den Roman schrieb, aber - nach vielem Neuschreiben - ist es wahrscheinlich der Anfangssatz, den ich behalten werde. "Der junge Kanadier, der nicht älter als 15 Jahre sein konnte, hatte zu lange gezögert."
So, und nun wieder an die Arbeit..."
Den englischsprachigen original Blog-Eintrag findet ihr hier.
Artikel aus der Zeitschrift FOCUS vom Februar 2007 (FOCUS-Online 27.02.07):
John Irving - Meister der Erzählkunst
Er ist unkonventionell und umstritten, mit seinen Romanen spaltet er die amerikanische Gesellschaft. Am 2. März wird der Bestsellerautor 65.
John Irving findet seine Landsleute „puritanisch und verklemmt“. Er fühle sich in den USA bisweilen als Fremder im eigenen Land, klagte er bei einem Besuch in Europa. Seine Romane sind in 30 Sprachen übersetzt. Jeder wurde zum Bestseller. Der „Meister der Erzählkunst“ gehört zu den wenigen Autoren, die hohe literarische Qualität und Erfolg verbinden können. Am 2. März feiert er im tiefen Neuengland mit seiner Frau und Agentin Janet Turnbell, möglicherweise auch den drei schon erwachsenen Kindern seinen 65. Geburtstag.
Vorliebe für sexuelle Provokation
Dass Irving daheim umstrittener ist als etwa in Deutschland, liegt an politischen Themen wie Abtreibung, Vietnamtrauma und Apathie der Bürger, die er zwar behutsam, aber auch nicht zimperlich anpackt. Und es ist seine Sprache, mit der er bewusst Provokation betreibt: „Ich hätte das Wort Penis nicht so oft benutzt, wenn das Klima in Fragen der Sexualität (in den USA) liberaler wäre“, gab er vor einem Jahr mit Hinweis auf seinen autobiografischen Roman „Bis ich dich finde“ in Wien offen zu.
Irving schreibt moderne Geschichten in traditioneller Erzählmanier, aber alles andere als konventionell: Sie sind wuchernde Entwicklungsromane, konfrontieren mit Vergewaltigung und politischem Mord, berichten von Liebe und Tod und jagen den Leser in atemberaubend phantasievoller Wendigkeit von einer Überraschung zur nächsten. Für ihren Verfasser ist das Feuerwerk der Ideen geplante Sache: „Für jeden neuen Roman entwerfe ich zunächst einen genauen Plan und kenne das Ende, bevor ich zu schreiben beginne.“ Das heißt, er beginnt seine Bücher sozusagen mit dem Schluss und erzählt dann, wie es dazu gekommen ist.
Leise im Leben, laut in den Romanen
Der Verfasser solch turbulenter Romane wie „Garp und wie er die Welt sah“, „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“, „Das Hotel in New Hampshire“ und „Owen Meany“ führt selber „ein sehr geregeltes Leben“. Er halte es mit Gustave Flaubert, meint Irving und zitiert den französischen Autor aus dem 19. Jahrhundert in gebrochenem Deutsch: „Man muss im Leben sehr ruhig sein, damit man in den Romanen lauter schreien kann.“
Irving hat seinen Vater nie gekannt, er wuchs bei seiner Großmutter, seiner Mutter und seinem Stiefvater auf. Er erhielt als Sechsjähriger nach der Adoption seinen jetzigen Namen. Dieser Hintergrund lässt ihn in seinen Büchern immer mit bitterem, oft absurdem Witz über seltsame Familienverhältnisse schreiben. In seinem elften und letzten Roman, „Bis ich dich finde“, sucht der Junge und später der Mann Jack Burns, ein gefeierter Hollywoodstar, nach seinem Vater. Das über 1100 Seiten lange und 117 Charaktere umfassende „Opus maximum“ verrät mehr über den Menschen John Irving als alle anderen Werke zuvor.
Günter Grass als Vorbild
Dieser nennt seit Jahrzehnten Günter Grass als einen der Schriftsteller, die ihn am meisten beeinflusst haben, aber auch Gabriel Garcia Marquez und Salman Rushdie. Wie sein Garp hat sich der sportlich aktive Irving seit seiner Jugend als Ringer ertüchtigt und entspannt. Seine beiden älteren Söhne trainierte er selbst und verhalf ihnen zu ihrem Titel als New England Champions der A-Liga. Nach ihrem Auszug ringt Irving oft mit einer schweren, lebensgroßen Puppe. „Inzwischen ist die besser als ich, weil sie nie müde wird“, sagt der nicht mehr ganz junge Erzählmeister augenzwinkernd.
Den vollständigen Artikel findet ihr im Internet-Auftritt der Zeitschrift FOCUS ->
Auszüge aus einem Artikel von Thomas Thelen erschienen in der Aachener Zeitung am 25.02.06:
Zum Happy End reicht es nur im Buch
Wenn John Irving einen Roman schreibt, beginnt er mit dem Ende. Im Falle seines neuen Buches "Bis ich dich finde", an dem er sieben Jahre geschreiben hat, war das nicht anders. Hätte Irving geahnt, dass ihn die Geschichte seines Helden Jack Burns, der sich auf die Suche nach dem leiblichen Vater macht, selbst einholen würde, hätte er das Ende wohlmöglich anders geschrieben. Im Buch gibt's ein Happy End. In Irvings Leben gab es das nicht...
"Ich kann mir ein Leben ohne mein Schreiben nicht vorstellen, das ist undenkbar. Eigentlich bin ich mit meinen Gedanken immer in einem Roman, selbst wenn ich gerade nicht schreibe"; sagt Irving...
Irving zielt auf Emotionen. "Ich will bei den Lesern Gefühle wecken, versuche, sie zum Lachen und zum Mitleiden zu bewegen, darum geht es mir." Dass er deshalb von der Kritik oft in die Unterhaltungsecke gesteckt wird, interessiert ihn wenig. "Mir ist klar, dass ich mit diesen Zielsetzungen, die emotionaler und nicht intellektueller Natur sind, am Geschmack der zeitgenössischen Kritik vorbeischreibe. Aber ich bin nun mal kein Intellektueller, sondern ein Geschichtenerzähler. Ich sehe mich auch nicht als Künstler, eher als Handwerker", erklärt Irving, der kaum eine Gelegenheit auslässt, an seine Vorbilder Gabriel Garcia Marquez, Günter Grass und Salman Rushdie zu erinnern. Der Größte aber ist und bleibt für ihn Charles Dickens. Sogar seinen Hund, einen schokoladenbraunen Labrador, hat er nach dem englischen Romancier benannt. Ein dickes Kompliment für Dickens - denn bei den Irvings ist der hund der Star der Familie.
Nur Unterhaltungs-Literat mit dem Status des gefeierten Popstarts oder doch auch seriöser Schriftsteller? ... "Ich denke schon, dass Irving einige Anspruchsvolle Romane geschrieben hat", meint der Literaturkritiker der ARD, Denis Scheck ("Druckfrisch"). Der deutsche Autor Thomas Brussig ("Helden wie wir"), der Irving unlängst in seiner Heimat besuchte, sagt "Es gibt wohl keinen zweiten lebenden Autor weltweit, der die tragischen Momente im Leben eines Menschen so in Worte fassen kann wie Irving." Der schwedische Regisseur Lasse Hallström, mit dem er bereits einen Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" in Kino brachte, hat bereits Interesse an einer Verfilmung von "Bis ich dich finde" bekundet. "Lasse würde es gerne machen." Man wolle aber nichts überstürzen, meint Irving nachdenklich. Er weiß, dass es ein Film über das eigene Leben würde. Nie zuvor hat er ein Buch mit so offenkundig autobiographischem Bezug geschrieben.
In "Bis ich dich finde" erzählt Irving die Geschichte des Schauspielers Jack Burns. Seine Mutter ist Tätowiererin, sein Vater Organist, der verschwunden ist. Ein 1152-Seiten-Schinken über Obsessionen und Freundschaften, über fehlende Väter und starke Mütter, über gestohlene Kindheit, trügerische Erinnerungen und über die Suche nach der einen Person, die dem Leben einen Sinn gibt. Am Ende des Romans hat die Suche Erfolg: Jack Burns lernt seinen Vater William tatsächlich kennen. "Eine eher traurige Geschichte mit glücklichem Ausgang. Ich mag diese Kontraste", sagt Irving.
Im wahren Leben hat Irving seinen leiblichen Vater nicht gefunden. "Meine Mutter hat nie über ihn mit mir gesprochen, wir wussten nicht einmal, wo er lebte." Während seiner Arbeit an "Bis ich dich finde" erhielt er eines Tages einen Anruf von einem Mann, der sich als sein Bruder ausgab. "Wir haben zwei Stunden miteinander telefoniert, dann war klar, dass wir tatsächlich einen gemeinsamen Vater haben." Leider musste ihm sein Bruder mitteilen, dass ihr Vater vor einigen Jahren starb. "Es fällt mir schwer zu verstehen, warum er sich nie bei mir gemeldet hat."
John Irving wird den Schmerz überwinden, Schreiben ist sein bester Tröster. Mit dem nächsten Roman hat er inzwischen begonnen. Das Ende ist schon fertig.
Auszüge aus einem Bericht von Meike Schnitzler erschienen in der Ausgabe Januar 2006 der Zeitschrift "Brigitte"
"Ich erzähl euch jetzt was, das wird euch die Hosen ausziehen"
Und dann legt John Irving los: erzählt BRIGITTE-Redakteurin Meike Schnitzler, die ihn zu Hause in Vermont besuchte, von seiner Vatersuche. Courtney Love. Und dem ehrlichsten Roman, den er je geschrieben hat.
"Von hier sind sie jedenfalls nicht", sagt der grauhaarige Mann zu seiner Frau am Kamin des "Inn at Willow Pond", als wir gerade nach dem Abendessen auf den Ausgang zusteuern. Hier, das ist Vermont, irgendwo zwischen den Orten Manchester und Dorset. In dieser ländlichen Gegend von Amerika kennt jeder jeden. Und der schmale Mann, der uns soeben als Fremde entlarvt hat, ist der prominenteste Mitbürger des Landstrichs, der große Schrifststeller John Irving. "Ruhen Sie sich nur aus, wir sehen uns ja morgen", sagt er höflich, und seine Frau Janet fügt hinzu: "Und keine Angst, wenn Sie zu unserem Haus kommen: Der Hund ist sehr freundlich."
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Das große Haus der Irvings liegt einsam, mit seinen grauen Holzschindeln passt es perfekt in die winterliche Natur. Schon die Auffahrt bietet einen grandiosen Blick auf die Berge, eine Aussicht, die John Irving auch von seinem Schreibtisch aus genießt außerdem beobachtet er genau, wer sich seinem Haus nähert, wie seine Frau Janet später erzählt. Kann es sein, dass der Autor, in dessen Romanen das Leben immer mit grotesken Wendungen aufwartet, nicht der Idylle traut, die ihn umgibt? Die Tür seines Arbeitszimmers im Erdgeschoss hat er ausgehängt, damit er genau mitbekommt, was im Haus vor sich geht.
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Janet Turnbull Irving kommt vom Tennis zurück. Sie ist eine schöne hochgewachsene Frau Anfang fünfzig. Bei einem Abendessen in Toronto verlor Irving vor knapp 20 Jahren sein Herz an die kanadische Verlegerin. "Er hat mich vollkommen überrascht, es war ein rein geschäftliches Treffen", erzählt sie. "Aber wir haben uns sehr angeregt unterhalten unter anderem auch darüber, dass es ihn nicht interessiere, wer sein Vater sei. Was ich schon damals einfach nicht glauben konnte." Einen Monat später rief Irving einen Kollegen von Janet an und bat um ihre Adresse, weil er sich in sie verliebt habe. Jetzt arbeitet Janet als Agentin ihres Ehemannes und hat nebenher noch eine Privatschule gegründet, die auch ihr gemeinsamer 14-jähriger Sohn Everett besucht.
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Im Vergleich zu den Fotos sieht der 63-Jährige schmal aus, die Wangen ein wenig eingefallen. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt die amerikanische Ausgabe seines neuen Romans "Bis ich dich finde". Über 1100 Seiten umfasst die Geschichte des Schauspielers Jack Burns, Sohn einer Tätowierkünstlerin und eines Organisten, der seinen Vater nicht kennt und doch immer hofft, eines Tages von ihm zu hören. Es ist ein Buch, das in Teilen so persönlich geriet, dass Irving es nach seiner Vollendung von der ersten in die dritte Erzählperson übertrug, um mehr Distanz zu seinem Helden zu gewinnen. Dass er als John Blunt Jr. auf die Welt kam und im Alter von sechs Jahren vom zweiten Ehemann seiner Mutter adoptiert wurde, war nie ein Geheimnis. Aber Irving leugnete stets, auch nach seiner Heirat mit Janet, sich Gedanken über seinen verschollenen Erzeuger zu machen. Obwohl es kaum einen Irving-Roman gibt, in dem nicht Kinder vorkommen, denen mindestens ein Elternteil fehlt: "Ich wollte eben nicht darüber reden", sagt er. "Aber jetzt, nach elf Romanen, hatte ich die ständigen Fragen nach dem autobiografischen Gehalt meiner Bücher satt. Und ich hatte einfach Lust zu sagen: Ich erzähl euch jetzt was, das wird euch die Hosen ausziehen!" Er lacht, und seine dunklen Augen leuchten auf einmal kampflustig. Als Ringer weiß Irving, wie man einen Sieg durch plötzlichen Wechsel der Taktik erringt. "Mir war von Anfang an klar, dass die Themen des Buches jeden, der auch nur ein halbes Hirn hat, darauf bringen würden, mich zu fragen, ob mir das auch passiert ist." Irving wollte es so. Er hatte sieben Jahre Zeit, sich auf diese Frage vorzubereiten, schließlich hatte er den Plot seines Romans, wie bei jedem seiner Bücher, bereits genau festgelegt, als er sich 1998 an die Schreibmaschine setzte. Er war allerdings nicht darauf vorbereitet, dass die Wirklichkeit seine Geschichte im Lauf der Jahre überholen würde.
Denn so wie Protagonist Jack Burns eines Tages erfährt, dass er eine Halbschwester hat, bekam John Irving im Jahre 2001 den Anruf, dass sich ein Halbbruder von ihm bei einer Bekannten gemeldet hätte. "Aus irgendeinem Grund habe ich nie daran gedacht, dass mein Vater auch andere Kinder haben könnte", sagt Irving. Seine Mutter hatte über den Vater so gut wie nie gesprochen. Erst 1981 übergab sie ihm kommentarlos einen Packen Briefe, die sie von John Blunt während des Zweiten Weltkrieges erhalten hatte. "Ich musste erst...", er rechnet kurz auf dem Papier nach, "ich bin kein Mathegenie... 39 Jahre alt werden, bis sie mich für alt genug hielt, um sie zu lesen", sagt Irving. Der Tenor der Briefe, die John Blunt aus der Kriegsgefangenschaft in Indien und China schrieb, war: Er könne nicht mit Johns Mutter zusammensein, aber er würde gern Kontakt zu seinem Kind haben. Irving hatte stets angenommen, sein Vater habe einfach kein Interesse an ihm gehabt. In seinem nächsten Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" verwendete Irving daraufhin Passagen aus den Briefen ein verstecktes Signal an den Vater, sich doch wenigstens jetzt zu melden. Aber nichts geschah. Vielleicht wusste John Blunt nicht, dass John Irving sein Sohn war? "Ich habe mir natürlich immer vorgestellt, dass er es wusste, und so war er immer für mich der wichtigste Leser, den ich hatte." Nach außen kultivierte Irving weiter seine trotzige Haltung: "Wenn mich Leute fragten, warum ich nicht einfach selbst versuchen würde, meinen Vater zu finden, antwortete ich: Ich habe schon einen Vater!" Bis heute hat Irving ein sehr enges Verhältnis zu seinem Stiefvater, der jetzt seine schwerkranke Mutter pflegt, und er zeigt uns in einem Gästezimmer das Hochzeitsfoto der beiden: ein strahlendes Paar, in der linken Ecke das runde Gesicht des sechsjährigen kleinen John. "Das war der Tag, an dem ich John Irving wurde", sagt der Schriftsteller. Ein glücklicher Tag: "Endlich hieß ich nach jemandem, den ich auch sehen konnte." Einen Menschen sehen, abbilden, Erinnerungen aufbewahren. Das ist Irving wichtig. Zurück im Arbeitszimmer nimmt er ein anderes Foto in die Hand ein Kind, das neben seinem Stiefvater am Strand von Cape Cod in die Sonne blinzelt: "Hier bin ich zehn, so alt wie Jack im Buch, als ihm das Gleiche widerfährt." Das Gleiche, das ist Sex mit einer älteren Frau. John war elf, es passierte mehrmals. Es war eine Frau, "die meine Familie kannte und der wir vertrauten". Er hat dieses Erlebnis literarisch verarbeitet, es fällt ihm nicht mehr schwer, darüber zu sprechen: "Ich fühlte mich damals nicht missbraucht, aber später merkte ich, dass ich kein normales Verhältnis zu älteren Frauen hatte." Einerseits habe er sich zu ihnen hingezogen gefühlt, andererseits stieß ihn diese Faszination ab. "Und ich hatte als Jugendlicher das Gefühl, dass diese Frauen es mir ansehen konnten, auch wenn ich überhaupt nichts tat. Bis in meine Zwanziger fühlte ich mich wie ein Elfjähriger, wenn sie sich mir näherten. Ich konnte ihnen nicht widerstehen", sagt Irving. Eine Therapie hat er nie gemacht, ein Weg, mit seinen widersprüchlichen Gefühlen fertig zu werden, war das Ringen: "Man übt keine Kampfsportart so besessen aus, wenn es da nicht einen tieferen Grund gäbe", sagt er, lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Auf seinem Unterarm leuchtet die Tätowierung, die er sich während der Recherche zu seinem Roman hat stechen lassen: ein Kreis mit einem Balken darin, er stellt die Markierung dar, in dem die Gegner auf der Matte ihren Ringkampf beginnen. Die Fotografin betritt den Raum, und Irving wechselt unvermittelt das Thema und macht sie auf ein Bild an der Wand aufmerksam, das bei der Oscar-Verleihung 2000 aufgenommen wurde. "Haben Sie das Foto von Courtney Love gesehen, auf dem man ihre Unterwäsche sieht? Das hat mein Sohn Brendan gemacht. Ich habe zu ihm gesagt, so etwas tut man nicht, aber er bemerkte treffend: Das Besondere an dem Bild ist, dass sie überhaupt Unterwäsche anhat!"
Der Erzähler John Irving weiß, wie man sein Publikum unterhält. Auch sein Buch ist keine tränenreiche Beichte, sondern schwankt in typisch Irvingscher Manier zwischen Komik und Tragik. Keinesfalls will er sein Leben wahrheitsgetreu in die Literatur übertragen: "Bloß weil Erfahrungen einen selbst traumatisieren, geben sie nicht unbedingt die besten Einzelheiten für ein Buch ab. In einem Roman kann man alles noch schlimmer darstellen was besser für die Geschichte ist", sagt er. "Die Frau, mit der ich Sex hatte, war vergleichsweise jung, nicht wie die über 40-jährige Mrs. Machado im Roman, die sogar selbst Kinder hat. Auch meine Mutter war nicht wie die von Jack." Diese manipuliert Jacks Kindheitserinnerungen und stilisiert den Vater zu einem frauenverschlingenden Monster hoch, dessen unselige Gene Jack in sich zu tragen scheint. "Aber ich hatte in dem Buch tatsächlich die Wahrheit vorhergesehen", sagt Irving. "So wie Jacks Vater am Ende doch kein Teufel ist, war es meiner auch nicht. Auch wenn ich das Schweigen meiner Mutter immer so interpretiert hatte." Nachdem John Irving 2001 den Anruf bekam, es habe sich jemand namens Chris Blunt gemeldet, löste sich endlich das Rätsel um seinen Vater. "Ich rief Chris an, ich glaube, wir sprachen zwei Stunden lang. Währenddessen saß Janet mir gegenüber, gestikulierte und schrieb Zettel, auf denen stand: Lebt er noch? Aber ich stellte diese Frage nicht. Je länger wir sprachen, um so deutlicher wurde, dass mein Halbbruder es nicht übers Herz bringen konnte, mir zu sagen, dass unser Vater tot war." John Blunt war im Alter von 77 Jahren gestorben, zwei Jahre, bevor John Irving seinen Roman zu schreiben begann. Er hatte noch dreimal geheiratet und vier weitere Kinder gezeugt, drei Söhne und eine Tochter. Drei seiner Halbgeschwister hat Irving mittlerweile kennen gelernt. "Er war ein guter Mann und ein guter Vater in den Augen seiner anderen Kinder", sagt er und begradigt einen Stapel Blätter auf seinem außergewöhnlich ordentlichen Schreibtisch. Warum der Vater keinen Kontakt zu seinem erstgeborenen Sohn aufnahm, auch als dieser erwachsen war dieses Geheimnis kann nicht mehr geklärt werden. "Aber ich bin froh, dass meine Familie mich gefunden hat", sagt Irving und lächelt, was ihn auf einmal sehr viel jünger erscheinen lässt. "Das ist sehr wichtig für mich." Er arbeitet wieder an einem neuen Buch. Darin geht es um einen Vater und einen Sohn, die Mutter ist gestorben. John Irving ringt weiter mit dem Thema. Aber ist entspannter bei der Arbeit als früher.
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